dwif-Forschungsbeirat: Mut zum Gestalten – Zukunft im Tourismus gemeinsam denken
Welche Zukünfte sind für den Tourismus denkbar – und wie kommen wir dorthin? Rund 30 Touristiker*innen diskutierten am 11. Mai 2026 in München über Strategic Foresight, Szenarien und die Frage: Wer gestaltet, wer wartet?

Am 11. Mai 2026 kamen rund 30 Fachvertreter*innen aus Destinationsmanagement, Wissenschaft und Beratung zur dwif-Forschungsbeiratssitzung und Jahrestagung in der ADAC-Zentrale München zusammen. Im Mittelpunkt stand das Leitthema „Mut zum Gestalten – Zukunft im Tourismus gemeinsam denken". Die Veranstaltung setzte einen bewussten Gegenpol zu kurzfristig-reaktivem Handeln und fragte: Wie können Tourismusorganisationen trotz wachsender Komplexität und Unsicherheit strategisch vorausdenken?
Was ist Zukunft – und wer gestaltet sie?
Unter der Moderation von Prof. Dr. Armin Brysch (Hochschule Kempten) diskutierten Prof. Dr. Vanessa Borkmann (Fraunhofer IAO Stuttgart) und Dr. Andrea Möller (dwif) grundlegende Fragen des Zukunftsdenkens. Die zentrale Botschaft: Es gibt nicht „die eine Zukunft", sondern unendlich viele wahrscheinliche, wünschbare oder abzulehnende Szenarien. Zukunftsforschung soll Entscheidungen in volatilen Zeiten plausibler machen – auf Basis fundierter Daten und in sich konsistenter Zukunftsbilder. Besondere Herausforderung im Tourismus ist dabei die Vielzahl an Akteur*innen. Gemeinsame Zukunftsgestaltung gelingt nur, wenn Menschen konsequent mitgenommen und frühe Signale ernstgenommen werden und dann aus Visionen konkrete Roadmaps entstehen.
Strategisch träumen, diszipliniert imaginieren
Dr. Birthe Menke (4strat GmbH, Kooperationspartnerin dwif) zeigte methodisch, wie strategische Vorausschau funktioniert. Ihr Ausgangspunkt: Alles Handeln ist bereits Zukunftsgestaltung – „Doing is design, doing is futuring." Jede Entscheidung öffnet bestimmte Zukünfte und verschließt andere. Die bisherigen Wachstumslogiken vieler Branchen reichen angesichts technologischer Dynamik nicht mehr aus. Organisationen müssen ihre Vorstellungskraft trainieren – durch das Erzählen von Zukünften (Narrative, „Zukunftspostkarte ans Heute"), das Materialisieren möglicher Artefakte (Prototyping) und das Inszenieren von Szenarien. Ergänzend stellte Dr. Menke ein technisches Trendradar-Tool vor, das Zukunftsforschung verstetigen und einen fortlaufenden, datenbasierten Dialog mit verschiedenen Gruppen ermöglichen soll.
Aus der Praxis: Berlin auf dem Weg zur „sentient city"
Sabine Wendt (Geschäftsführerin visitBerlin) schilderte den konkreten Foresight-Prozess der Berliner Visitor Economy. Entscheidender Erfolgsfaktor war das vorhandene Netzwerk touristischer Akteur*innen (u. a. Music Commission, Club Commission, BEN Mice Netzwerk, DEHOGA), auf das der Prozess aufgesetzt werden konnte. Die Arbeit verlief in den Phasen Framing, Scanning, Visioning und Strategising – von der Themen- und Stakeholderauswahl über Trendanalyse und Szenarioentwurf bis hin zur Ableitung konkreter Maßnahmen. Zentrale Erkenntnis: Der „Hirnschmerz" bei intensivem Zukunftsdenken ist unvermeidlich – und produktiv. Die Leitvision für Berlin lautet „sentient city" – eine empathische Stadt, die KI konsequent menschenzentriert einsetzt.
Wie arbeiten Destinationen und Verbände an Zukunft?
Iris Hegemann (DTV), Prof. Dr. Jürgen Schmude (DGT/BZT), Wolfgang Wagner (BayTM), Andrea Kis (LTV Sachsen), Dr. Birthe Menke (4strat) und Sabine Wendt (visitBerlin) diskutierten unter Moderation von Prof. Dr. Armin Brysch über Umsetzungsstand und Hürden.
- Der DTV arbeitete in seiner AG Zukunft in der jüngeren Vergangenheit vor allem an neuen Narrativen und nachhaltigen KPI-Sets für die Destinationsentwicklung.
- Der LTV Sachsen trifft sich jährlich bewusst gerade in den Regionen, um Zukunftsdiskussion in der Fläche präsent zu machen – dabei ist Ganzjahrestourismus aktuell wichtiger Schwerpunkt.
- In Bayern nutzten Destinationen die bereits erarbeiteten Szenario-Prozesse u.a. für die Themen Gesundheit, Städte und Wintertourismus.
Konsens in der Runde: Zukunftsarbeit braucht Zeit, Ressourcen und klare Aufgabenteilung zwischen Landes-, Regional- und Lokalebene. Sie kann nicht die gesamte Organisation dauerhaft binden – entscheidend sind ein Team mit intrinsischer Motivation als Kern, Interdisziplinarität und die Führungsentscheidung, dafür auch anderes dann aktiv wegzulassen.
Trends kritisch einordnen
Ein wichtiger Impuls aus der Abschlussdiskussion: Viele medial prominente Trends sind statistisch kaum belegbar – „Coolcation" und „Staycation" sind in den Daten bislang nicht nachweisbar, das Mittelmeer liegt weiterhin vorn. Dagegen hilft nur saubere Trendfundierung, der bewusste Austausch mit der Wissenschaft und das konsequente Einordnen von Frühwarnsignalen. Das abschließende Plädoyer der Runde: Mut haben – Verbündete suchen – Anfangen.
Einordnung und Ausblick
Strategic Foresight ist im Tourismus kein Luxusthema mehr, sondern eine operative Notwendigkeit – in einem Umfeld, das von technologischer Disruption, gesellschaftlichem Wandel und begrenzten Ressourcen geprägt ist. Zukunftsarbeit muss institutionalisiert, verstetigt und mit klaren Schlüsselprojekten verknüpft werden. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden in den kommenden Wochen weiter aufbereitet.
dwif-Impuls "KURS ZUKUNFT: DMO 5.0"
Bereits am Donnerstag, 21. Mai 2026, greifen wir das Thema im Rahmen eines dwif-Impulses unter dem Titel „Zukunft: DMO 5.0" auf.
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To be continued…
Was bleibt uns zum Abschluss dieser kurzen Zusammenfassung zu sagen? Zunächst ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmer*innen für den Input, die Ideen sowie den spannenden und bereichernden Austausch. Ein herzliches Dankeschön auch an den ADAC für die Bereitstellung der Räumlichkeiten und Armin Brysch, den Vorsitzenden unseres Forschungsbeirates, für die wie immer frische und professionelle Moderation und die gelungene Zusammenfassung des Nachmittages!
Hintergrund zum Forschungsbeirat
Der Forschungsbeirat des dwif e. V. setzt sich aus Persönlichkeiten verschiedener Segmente der Tourismuswirtschaft zusammen und tagt in der Regel einmal pro Jahr in Verbindung mit der jährlichen Mitgliederversammlung des dwif e.V. in München. In dieser Fachveranstaltung werden aktuelle touristische Forschungsthemen diskutiert und Impulse für künftige Forschungsarbeiten gegeben.
dwif-Impulse: Unser Online-Format!
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