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120 Minuten, 85 Touristiker*innen: Branche diskutiert Folgen von Corona für die Tourismuswirtschaft

Dienstag, 19. Mai 2020

Unsere dwif-Jahrestagung und Forschungsbeiratssitzung stand in diesem Jahr notwendiger Weise ganz im Zeichen der aktuellen Corona-Krise. Gemeinsam mit 85 Touristiker*innen aus ganz Deutschland diskutierten wir virtuell und rege zu vier Themenblöcken. Wichtig war es uns dabei, den Blick nach vorne zu richten und konkrete Handlungs- und Unterstützungsbedarfe der Branche zu benennen. Eine Zusammenfassung.

dwif: „Corona und die Folgen für die Tourismuswirtschaft“ – 85 Touristiker*innen diskutieren bei der virtuellen dwif-Jahrestagung
Vielen Dank an alle Teilnehmer*innen für 120 spannende Minuten

Nach dem Thema „Tourismusmanagement in Turbozeiten – Agilität & VUKA“ im vergangenen Jahr fokussierte sich unsere dwif-Jahrestagung und Forschungsbeiratssitzung in diesem Jahr auf die Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf die Tourismusbranche. Entgegen der gewohnten Praxis konnten wir uns in diesem Jahr nicht in den Räumen des ADAC zusammenfinden. Stattdessen fand unser Austausch virtuell im Rahmen eines Zoom-Meetings statt.

Gemeinsam mit rund 85 Touristiker*innen aus ganz Deutschland diskutierten wir rege zu vier Themenblöcken. Unsere Kolleg*innen lieferten dazu jeweils einen kurzen Input. Wichtig war es uns, den Blick nach vorne zu richten und konkrete Handlungs- und Unterstützungsbedarfe der Branche zu benennen. Wir haben den Tag für Sie noch einmal zusammengefasst.

 

#1 Warum trifft es gastgewerbliche Betriebe so hart & wie sehen die Perspektiven für die nächste Phase der Corona-Krise aus?

Unser Kollege Heiko Rainer zeigte noch einmal eindrücklich auf, wie stark das Gastgewerbe durch die Corona-Krise betroffen ist. Laut STR-Global waren am 30. April 2020 rund 76 Prozent der Hotelbetriebe in Europa geschlossen. In Deutschland sank der durchschnittliche Zimmerertrag pro verfügbares Zimmer (RevPar) im März um 67 Prozent und die Zimmerauslastung der Hotellerie lag in der letzten Märzwoche bei 4 Prozent!

Es ist also nicht verwunderlich, dass jeder dritte Betrieb akut von einer drohenden Insolvenz (gemäß DEHOGA Blitzumfrage) und rund 58 Prozent der Gastronomiebetriebe von Beschäftigungsabbau (gemäß ifo Institut) sprechen, deutlich mehr als im Einzelhandel (17 Prozent) und in der Automobilindustrie (39 Prozent). Was sind die wesentlichen Gründe für die überdurchschnittliche Betroffenheit?

  • Die Produkte im Gastgewerbe werden in Echtzeit hergestellt und sind nicht lagerfähig.
  • Die Branche ist geprägt von vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen.
  • Deutschland als beliebter Messe- und MICE-Standort ist besonders stark betroffen.
  • Zudem weisen viele Betriebe geringe Reserven aufgrund von niedrigen Eigenkapital- und Cash-Flow-Raten auf.

Kurzfristig gilt für das Gastgewerbe: Liquidität ist häufig wichtiger als Rentabilität. Im Rahmen der anstehenden Re-Openings der Betriebe ist aus unserer Sicht vor allem eine innovative Produktentwicklung gepaart mit klarer Kommunikation und transparenter Preispolitik wichtig. Viele Betriebe werden jedoch aufgrund der reduzierten Kapazitäten und höheren Prozesskosten weiterhin vor Herausforderungen stehen. Die Betriebe werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mittelfristig noch Instrumente wie Kurzarbeit, zinslose Darlehen, Zuschüsse etc. benötigen. Langfristig dürfte der Instandhaltungsstau zunehmen. Entsprechend bedarf es spezifischer Anreize und Fördermöglichkeiten.

 

#2 Kommunale Haushalte & die freiwillige Aufgabe Tourismus in Corona-Zeiten

Dr. Mathias Feige lenkte den Fokus auf die angespannte Situation der Kommunen. Nicht nur Unternehmen der Tourismuswirtschaft, auch die touristisch geprägten Kommunen und Landkreise sowie ihre Haushalte leiden massiv unter der Corona-Krise in Form von erheblichen Mindereinnahmen (Gewerbe-, Grund-, Einkommensteuer, Kurtaxe, Tourismusabgabe, Museumseintritte, Parkgebühren etc.). Auf 40 bis 60 Mrd. Euro schätzt der Deutsche Städte- und Gemeindebund das Haushaltsloch in den kommunalen Kassen. Die daraus resultierende haushalterische Vollbremsung gefährdet die touristische Infrastruktur in Orten und Regionen ebenso wie die Finanzierung oder Zuschüsse zu Tourist Informationen, (Mitglieds-) Beiträge oder Zuwendungen für DMO und vieles andere mehr.

Selbst wenn sich der Tourismus in Deutschland bis Ende 2021 wieder weitgehend erholt haben sollte, werden die Auswirkungen in den Kommunalhaushalten weit länger zu spüren sein. Umso mehr müssen sich die im Tourismus Tätigen jetzt kraftvoll zu Wort melden mit der Darstellung der vielfältigen monetären, strukturellen und gesellschaftlichen Nutzen des Tourismus für die Attraktivität und Wirtschaftskraft der Kommunen und ihrer Bevölkerung. Fundierte Analysen der Kommunalhaushalte liefern dafür die quantitative Basis. Zudem müssen sich die Touristiker*innen ab jetzt proaktiv in die kommunale Entwicklung unter (Post-) Corona-Bedingungen einbringen und die Interessen, aber auch die Beiträge des Tourismus für eine nachhaltige Gesundung herausstellen und sich mit Ideen und guten Strategien kreativ einbringen. Die Diskussion über die „Pflichtaufgabe Tourismus“ muss auf substanziellen Nutzenargumenten aufbauen und darf sie nicht ersetzen.

 

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#3 Stellt Corona die Weichen bei der touristischen Mobilität neu?

Thesengeberin Dr. Andrea Möller und das Zoom-Auditorium waren sich einig: CORONA ändert das Ziel einer nachhaltigen Mobilitätswende nicht. Denn die Mobilität bleibt die zentrale Stellschraube für den Klimaschutz im Tourismus: ca. 75 Prozent aller durch den Tourismus induzierten CO2 Emissionen entstehen in Deutschland durch touristische Verkehre. Einzelne Verhaltensänderungen könnten Maßnahmen für eine Verkehrswende sogar stützen: der „kleine“ Boom des Radfahrens und die Renaissance des zu-Fuß-Gehens sowie eine steigende Flugunlust. Auch der Camping- und Wohnmobilbereich profitiert von ersten Lockerungen. Unmittelbar gefährdet ist jedoch einer der wichtigsten Partner für nachhaltige Mobilität in Destinationen – der ÖPNV – denn mit den fehlenden Ticketeinnahmen brachen wichtige Finanzierungsmittel des Nahverkehrs im März/April bereits weg und viele Expert*innen rechnen mit einem klaren Imageschaden für den ÖPNV (Quelle https://rp-online.de).

Gleichzeitig wächst der Steuerungsbedarf im MIV (motorisierten Individualverkehr) teilräumlich wegen des Nachhalbedarfs v.a. im Tagestourismus, denn unter den jetzigen Bedingungen wird der PKW noch häufiger das Mittel der Verkehrsträgerwahl und damit die Hot Spots noch einmal mehr belastet. DMO sollten Lock down und Recovery deshalb dazu nutzen, ein intelligentes Push und Pull beim MIV aufzubauen. Corona könnte so betrachtet auch Chance sein, gezwungenermaßen vieles an Verkehrs- und Besucherlenkung auszuprobieren, wovon bisher viel geredet wurde.

Dabei wird Digitalisierung an allen Stationen der Customer Journey helfen müssen, Verkehrs- und Besucherströme zu messen, Belastungssituationen zu prognostizieren, Besucher*innen mittels Pushnachrichten informieren, auf alternative Ziele oder Auffangparkplätze zu lenken. Die Botschaft der Forschungsbeiräte an die Destinationen lautet hier: Digitalisierungschance bitte auch aktiv für mehr nachhaltige Mobilität nutzen!

Wenn Verkehrslösungen gesucht werden, müssen wir innovativ und mehrdimensionale Lösungen zusammendenken: kombinierte Waren- und Personenverkehre, autonomes Fahren, zeitliche Entzerrungen, e-Mobilität, Sharing, die Einwohner*innen mitnehmen … auch auf dem Land. Denn der ÖPNV kann auch zukünftig das wachsende Freizeitverkehrsaufkommen gerade in Metropolregionen nicht allein bewältigen. Und angesichts konfligierender Interessenlagen gilt es sich auf kontroverse Diskussionen einzustellen und einen langen Atem bei der Suche nach tragfähigen Lösungen zu haben. Solche Prozesse brauchen längerfristig angelegte Moderation, bei der alle Mobilitätspartner*innen an einen Tisch gehören. Mobilitätsmanagement bleibt also Top-Thema für DMOs.

 

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#4 Verändert die Corona-Pandemie dauerhaft das Rollenverständnis & die Aufgaben einer DMO?

Im vierten Themenblock beschrieb Lars Bengsch eine gegenwärtig gefühlte Zweiteilung in der Aufgabenwahrnehmung der DMO und stellte die eine oder andere provokante Frage an die Runde.

Auf der einen Seite ist ein „Rückfall“/ Konzentration auf klassische Marketing-Aufgaben zu beobachten mit der Folge, dass Deutschland gegenwärtig und in den nächsten Wochen von „Recovery-Kampagnen“ geflutet wird. Auch wenn dies in vielen Organisationen zum Rollenverständnis gehört bzw. die „Geldgeber“ und Leistungsträger*innen in den Regionen dies erwarten, hat sich durch Corona die mangelnde Schlagkraft, Sichtbarkeit und Relevanz vieler Botschaften aus den Destinationen im Markt kaum verändert. Es ist zu befürchten, dass die knappen vorhandenen Mittel nicht immer effizient eingesetzt werden.
Aber was sind die tatsächlichen Bedürfnisse der Gäste? Sie brauchen keine Anreize oder Animation zum Verreisen. Die Lust ist da. Die finanziellen Möglichkeiten sind jedoch mitunter eingeschränkt(er).

Wir leben aktuell in einer Situation, in der wir noch nicht mal wissen, wie der Alltag im gewohnten Arbeits- und Wohnumfeld in den kommenden drei Wochen aussieht. Was sagt uns das für den potenziellen Urlaub? Leitet sich daraus Sehnsuchtsmarketing ab oder sollten in erster Linie die Bedürfnisse nach einer möglichst transparenten Gäste-Information befriedigt werden?

 

Corona Blitzbefragung Tourismus dwif

 

Oder werden auf der anderen Seite gerade JETZT Management-Aufgaben der DMO noch viel wichtiger, wie beispielsweise:

  • Impulsgeber für Innovationen und angepasstes Produktmanagement
  • Plattformanbieter für Informationsgenerierung & -vermittlung, Erfahrungsaustausch, Best Practice-Vermittler
  • Vorantreiber für die Digitalisierung/Optimierung des Contentmanagements (gerade JETZT sind tagesaktuelle transparente Informationen aus der Destination elementar)
  • Lobbyist gegen den Bedeutungsverlust des Tourismus
  • Kommunikator/Multiplikator hinsichtlich Sensibilisierung der Bevölkerung, Politik, Presse
  • Helfer für die Partner*innen in der Vorbereitung auf den Recovery-Prozess

--> Die DMO als Serviceorganisation für Partner*innen.

Die Diskussion verdeutlichte, dass sich im Idealfall die Frage nach dem entweder nicht stellt. Die DMO befinden sich häufig genug jedoch in einer Zwickmühle, denn um beide Aufgabenbereiche (Management und Marketing) professionell erfüllen zu können, benötigen sie mehr finanzielle und personelle Ressourcen. Durch die Corona-Krise stehen dieser Erfordernis jedoch immer noch knappere kommunale Kassen entgegen.

 

Vielen Dank!

Was bleibt uns zum Abschluss dieser kurzen Zusammenfassung zu sagen? Vielen Dank an alle Teilnehmer*innen für 120 Minuten spannende und bereichernde Diskussion und ein herzliches Dankeschön an Prof. Armin Brysch für die professionelle Moderation.

Jedes dieser vier Themen verlangt eine Vertiefung. Wir bleiben dran!

 

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dwif Corona Kompass 2020 CoverWir möchten Destinationen, Gastgewerbe und Freizeitwirtschaft  nutzenstiftende Fakten zu den Auswirkungen der aktuellen Corona-Krise geben und gemeinsam mit Ihnen den Blick in die Zukunft richten.

Das interessiert mich!

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